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aus dem Englischen von Reinhild Böhnke
Am 9. Februar ist ein ganz großer Autor 70 Jahre alt geworden, der - obwohl Literaturnobelpreisträger und zweifacher Booker-Preisträger - nie ein Publikumsstar war, nie Bestseller hatte und immer als etwas kalt und überheblich galt. J.M. Coetzee, geboren in Kapstadt und heute australischer Staatsbürger, hat die großen Bühnen nie gesucht, Interviews verweigert, stattdessen immer weiter geschrieben. Unbestechlich im Blick, nicht von eigenen Eitelkeiten oder den Erwartungen seiner Leser abgelenkt, ja manchmal fragte man sich: Ist der denn überhaupt von dieser Welt?
Sein autobiografisches Buch "Sommer des Lebens" ist ein Buch über die Lehrjahre des Autors, die ihn und sein späteres Werk prägten. Es ist eine gnadenlose Selbstabrechnung geworden, ein hochpoetisches Buch über das Leben und den Preis des Schreibens von einem Schriftsteller, der mit viel Selbstironie andere über sein Leben sprechen lässt, andere, die er natürlich selbst erfunden oder fiktionalisiert hat.
"Generell würde ich sagen, dass es seinem Werk an Kühnheit mangelt. Die Kontrolle über die einzelnen Elemente ist zu straff. Man bekommt nirgends das Gefühl, dass er als Schriftsteller sein Medium umgestaltet, um zu sagen, was noch nie gesagt wurde, was für mich ein Zeichen großer Literatur ist. Zu kühl, zu ordentlich, würde ich sagen. Zu einfach. Zu leidenschaftslos."
Wer spricht hier? Coetzees größter Feind oder der Autor selbst, der zugleich sein größter Feind ist? Im dritten autobiografischen Buch des Nobelpreisträgers Coetzee sagt seine ehemalige Geliebte Sophie diesen Satz und somit einen von vielen Sätzen, die dem heute 70-jährigen Autor nicht eben schmeicheln. Hatte Coetzee in den ersten beiden autobiografischen Büchern "Der Junge" und "Die jungen Jahre" von sich selbst als "Er" geschrieben, so wendet er jetzt einen ganz anderen Trick an. Ein Biograf namens Mr. Vincent ordnet verstreute Notizen und Fragmente und führt Interviews mit fünf Personen, die dem im Buch bereits verstorbenen Autor Coetzee nahe standen. Diese Interviews kombiniert er mit den Notizbüchern, und so entsteht ein Kaleidoskop des Lebens Coetzees zwischen 1972 und 1977. Er ist von Amerika nach Kapstadt zurückgekehrt, wo er wieder mit seinem Vater lebt.
Schon die erste Episode aus den Notizen schildert ihn als Gescheiterten - illustriert am Treffen mit seinem alten Mitschüler David. Im Folgenden wird Coetzee, werden seine Figuren immer schonungsloser mit dem, was sie über den Autor mitzuteilen haben. Julia, eine Psychologin, war damals eine verheiratete Frau, als sie Coetzee kennenlernte, der sich mit Lehraufträgen durchschlug. Es ist der Höhepunkt der Apartheid Anfang der 70er-Jahre. Natürlich blitzt Zeitzeugenschaft durch in den Gesprächen, steht aber nie im Vordergrund. Dort steht Coetzee: niemals mächtig, immer eher schüchtern und verzagt.
"Nein, natürlich liebte John seinen Vater nicht, er liebte niemanden, er war nicht für die Liebe geschaffen", das sagt Julia und sinngemäß sagen es später auch die anderen Frauen über Coetzee. Dabei spielt der Autor mit Text und Figuren. Julia behauptet, dass sie alle Dialoge, die sie dem Biografen erzählt, natürlich erfindet, schließlich handelt es sich um einen Schriftsteller. Auch wissen die Frauen nie genau, ob er sie oder die Idee von ihnen geliebt hat. Bis auf die brasilianische Tänzerin Adriana, die ihn zurückwies, die ist ganz sicher: "Dieser Mann hat mich nicht geliebt, er hat die Idee von mir geliebt, die Fantasiegestalt einer südländischen Geliebten, die er sich ausgedacht hat."
Coetzee nutzt die Biografie als Spiel. Ständig zweifeln alle Beteiligten am Erzählten und am Erzähler. Auch auf seine Notizen sei kein Verlass, meint Sophie, weil er eben ein Erzähler war. Coetzee stellt sich die zentralen Fragen seines Lebens aus verschiedenen Perspektiven und kommt fast immer zum Schluss, dass das Leben ein erzähltes Konstrukt sei und der Erzähler letztlich zum Scheitern verurteilt.
Und doch ist ihm das Publikum die letzte und die einzige Instanz, deren Urteil etwas gilt: "Ich bin nicht daran interessiert, zu einem abschließenden Urteil über Coetzee zu kommen. Das überlasse ich der Nachwelt", sagt Mr. Vincent. Aber der ist, wie gesagt, auch nur eine Figur von Coetzee. Wer fortan autobiografisch-fiktional schreibt, sollte "Sommer des Lebens" als Messlatte nehmen und das Scheitern genießen.
Ein Roman von J.M. Coetzee - vorgestellt auf NDR Kultur.
Länge: 04:17 Minuten
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