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Das Beste am Norden
Buch der Woche | 08.11.2009 15:30 Uhr

Das Modell für Laura

Aus dem Englischen von Dieter E. Zimmer und Ludger Tolksdorf

Vorgestellt von Holger Schlodder

Verbrennen oder nicht verbrennen - diese Frage hat sich Dmitri Nabokov 30 Jahre lang gestellt. Sollte er dem letzten Willen seines Vaters nachkommen? Als Vladimir Nabokov im Krankenbett ahnte, dass er seinen letzten Roman nicht mehr vollenden würde, dachte er das unvollendbare Werk dem fahlen Feuer zu. Aber weder seine Witwe Véra noch sein Sohn wollten das Brandopfer vollziehen. Und so geisterte dieses Buch mit dem vielversprechend schillernden Titel "Das Modell für Laura" als Gerücht durch die literarische Welt. In diesen Tagen liegt das Fragment in Gestalt von 138 faksimilierten Karteikarten mit der für einen Todkranken erstaunlich akkuraten Schrift Nabokovs endlich vor. Nach Schätzung von Experten machen diese Kärtchen etwa ein Drittel des geplanten Ganzen aus. Nicht viel, gemessen an dem Nimbus, der dem so lange verborgen gebliebenen Werk anhaftet.

Ein Willensakt zur Selbstzerstörung

Zitat:
"Ein brillanter Neurologe, ein angesehener Dozent und ein finanziell unabhängiger Gentleman, hatte Dr. Philip Wild alles, nur kein anziehendes Äußeres."

Der Doktor ist "von unmäßig fetter Gestalt". Er vermag aber mit seinem Esprit zu bezaubern - nur seine um etliche Jahre jüngere Frau nicht. Die kapriziöse Flora unterhält zahlreiche Affären. Deren Vollzug wird in einigen Szenen des Romans nicht wirklich beschrieben, eher in sprachartistischen Erregungskurven nachgezeichnet: anschaulich und dezent zugleich, und mit Nabokovs bekannter Vorliebe für knabenhafte Frauenkörper.

Zitat:
"Von Hand umgedreht, offenbarte ihr zerbrechlicher, gefügiger Körperbau neue Wunder - die beweglichen Schulterblätter eines Kindes in der Badewanne, die Krümmung einer Ballerinenwirbelsäule, schmale Pobacken."

Manches Detail in Floras erotischer Biografie liest sich wie eine Selbstparodie Nabokovs auf seinen bekanntesten Roman "Lolita". Jedenfalls ist der Meister auch hier bei seinem Thema: jüngere Frau und älterer Mann. Auf recht bizarre Weise wird das alte Thema von Eros und Thanatos behandelt. Von Floras notorischer Untreue gedemütigt und der Verlässlichkeit seines Körpers nicht mehr sicher, verfolgt Philip Wild einen raffinierten Plan zu seiner Selbstabschaffung. Der Neurologe übt sich in der Kunst, den hinfälligen Leib in einem gewaltigen Willensakt bis zur Selbstauflösung einfach wegzudenken.

Zitat:
"Während man entspannt in diesem bequemen Stuhl sitzt (der Erzähler schlägt leicht auf dessen Armlehnen) und mit der Selbstzerstörung beginnt, fühlt man als erstes von den Füßen aufwärts ein ansteigendes Zerfließen."

Der Roman im Roman

Die Exerzitien schlagen auf tragikomische Weise fehl - "Sterben macht Spaß" ist übrigens der Untertitel des Romans. Und er umschreibt den ausgeführten Teil des Projekts eigentlich ganz gut. Der titelgebende Laura-Komplex nämlich kam bis auf ein paar Andeutungen nicht mehr zur Niederschrift. Es geht dabei um einen Roman im Roman, verfasst von einem abservierten Liebhaber Floras. Die ist mit ihren erotischen Eskapaden das Modell für jene geheimnisumwitterte Laura - und zwar auf eine potentiell tödliche Weise.

Zitat:
"Das 'Ich' des Buches ist ein neurotischer und zögerlicher Literat, der seine Geliebte vernichtet, indem er sie portraitiert."

So wird es angekündigt. Aber viel mehr erfahren wir nicht über dieses prekäre Verhältnis von Fiktion und Meta-Fiktion. Nabokovs großes Thema - das Ineinander von Erinnern und Erfinden - bleibt weitgehend unausgeführt. Immerhin weist eine detailliert ausgearbeitete Szene auf den möglichen Ausgang der Geschichte hin. Eine Freundin rät Flora auf dem Bahnsteig eines Schweizer Kurortes dringend zur Lektüre des Romans "Laura".

Zitat:
"Es wird natürlich alles als Fiktion dargestellt und so, aber du wirst dir an jeder zweiten Ecke selbst begegnen - und dann ist da dein wunderbarer Tod. Komm, ich zeige dir mal deinen wunderbaren Tod. Mist, da kommt mein Zug. Fahren wir zusammen?"

Ein fulminant desillusionierender Schluss - und alle Fragen offen.

Jetzt schlägt also die Stunde der Experten. Die werden jedes Wort hin und her wenden, jeden Satz durchleuchten und auf verborgene Subtexte hin untersuchen. Wer solche kabbalistische Leidenschaft nicht teilen kann, neigt bei der Lektüre vielleicht eher zum Schulterzucken. Nun weiß man also, womit der Meister sich in seinen letzten Lebenswochen beschäftigt hat. Gewiss, auch dem gewöhnlichen Leser entgehen die ironischen Selbstreferenzen nicht, und auch nicht die beiläufige Eleganz mancher Formulierung. Man weiß auch, dass Nabokov, mehr als andere Schriftsteller, seine Leser zu Mit-Autoren macht. In diesem Fall aber muss man sich wohl seinen eigenen "Laura"-Roman ausdenken.

Vladimir Nabokov: Das Modell für Laura, Buchcover (Ausschnitt) © Ullstein Buchverlage

Titel

Das Modell für Laura

Autor

Vladimir Nabokov

Bestellnummer

3498046918

Erschienen bei

Rowohlt, Reinbek

Preis

19,90 Euro
Weitere Informationen
Frau liegt am Strand und liest ein Buch. © picture-alliance Fotograf: Bildagentur Huber/G. Simeone

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